
Das Jahr der harten Fragen
Die letzten Jahre waren für viele Unternehmen ein Dauerlauf im Krisenmodus: Energiepreise, Lieferketten, Zinsen, geopolitische Schocks. Die naheliegende Antwort lautete fast überall gleich: Kosten runter, Prozesse straffen, Headcount einfrieren. Das hat geholfen, aber vor allem auf eine Art: Es hat Zeit gekauft.
2026 wird das Jahr, in dem diese Zeit aufgebraucht ist. Denn immer mehr Firmen merken: Wir haben nicht im Kern ein Effizienzproblem. Wir haben ein Effektivitätsproblem.
Und genau da wird es unbequem. Wer jahrelang primär Effizienz optimiert, wird oft unflexibel: Budgets sind auf “Run the Business” optimiert, Governance belohnt Fehlervermeidung, Innovation wird zum Nebenprojekt. Man kann Prozesse bis zur Perfektion verschlanken und trotzdem (bzw. deswegen?) am Markt vorbeilaufen.
Gleichzeitig droht Europa in vielen Bereichen in die inkrementelle Falle zu rutschen: Wir verbessern Bestehendes, während anderswo harte Kurswechsel stattfinden. Besonders sichtbar ist das in China: In immer mehr Branchen entstehen neue technologische Ansätze und neue Wertschöpfungsmodelle, und das alles mit einer Geschwindigkeit, die kaum mehr aufzuholen ist, wenn man zu spät reagiert.
In Europa regiert dagegen häufig Risikoaversion: Der Gain eines mutigen Schrittes wirkt kleiner als der Pain, wenn er schiefgeht. Das Ergebnis ist strategische Schockstarre – bis einem die Zahlen zeigen, was man lange nicht aussprechen wollte: Man kann sich auch in den Ruin sparen.
Darum werden 2026 nicht die schönsten Effizienzprogramme gewinnen, sondern die Unternehmen, die bereit sind, die harten Fragen wirklich zu beantworten:
- Wo verdienen wir in Zukunft unser Geld – und wo nicht mehr?
- Welche Kundenprobleme lösen wir besser als andere – und welche nur “auch”?
- Welche Wetten müssen wir heute platzieren, damit wir morgen Optionen haben?
- Welche Aktivitäten halten wir am Leben, obwohl sie strategisch keine Zukunft haben?
Die gute Nachricht: Diese Fragen sind unangenehm aber beantwortbar. Die schlechte: Man beantwortet sie nicht mit „Mehr vom Gleichen“, sondern mit klaren Entscheidungen: Portfolio schärfen, Ressourcen umschichten, neue Fähigkeiten aufbauen, mutig experimentieren und sich auch mal bewusst gegen eine Option entscheiden.
2026 wird das Jahr der harten Fragen. Und damit auch das Jahr der echten Strategie.
Bild:

Dr. Dipl.-Ing. Ulrich Hutschek
Senior Project Manager bei TIM Consulting
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